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Warum dir der MSCI World auch nicht helfen wird

Mit Altersvorsorge-Anlagestrategien ist es wie mit Vorhangkordeln. Man muss sie eine ganze Zeit lang durchziehen, bevor am Ende was rauskommt.

Und das passiert auch nur, wenn man seine Strategie gut ausgewählt hat. So sollte sie zur eigenen Anlegerpersönlichkeit passen und zwei Dinge mitbringen: viel Rendite und wenig Risiko. Wer will schon etwas durchziehen, was am Ende nichts bringt?

In diesem Artikel möchte ich einige Gedanken teilen zur weitverbreitetsten ETF-Anlagestrategie unter Privatanlegern überhaupt. Du wirst einige Zusammenhänge erfahren, die du als Anleger:in unbedingt wissen solltest und über die du so bisher vielleicht noch nicht nachgedacht hast. Ich werde zeigen, warum ich sie als Anlagestrategie für die Altersvorsorge für eher weniger geeignet halte und mich entschieden habe, sie für meine eigene Altersvorsorge nicht einzusetzen.

Es geht um das Weltportfolio

Die Beliebtheit von ‚Passivem Investieren‘ und des bekanntesten Vertreters, des Weltportfolios, sind über die letzten Jahre unglaublich gewachsen – bei einigen Vertretern meines Bekanntenkreises hat die Zuspruch langsam eine religiöse Färbung. Kommt das Gespräch auf das Thema Investieren dauert es für gewöhnlich nicht lange, bis folgende – leicht überspitzt formulierten – vier Sätze fallen: „Portfolio Manager aktiver Fonds sind alles geldgeile Idioten. Die können gar nichts. Vor allem keine nachhaltige Rendite erwirtschaften“, „Passives Investieren ist der einzig richtige Weg, um erfolgreich zu sein. Ich hab das jetzt verstanden: alles andere geht gegen die Efficient Market-Theorie und kann deshalb gar nicht funktionieren“, „der große Vorteil des Passiven Investierens ist, dass es 100% prognosefrei ist und keine Wette auf irgendwas“, und „das Weltportfolio mit einem ETF auf den MSCI All Country World-Index gibt dir die maximale, weil weltweite Streuung mit tausenden von Aktien. Besser diversifizieren geht nicht“.

Während solche Satzwalzen über mich hinwegdonnern hole ich meist tief Luft – und lasse sie nach kurzem Innehalten oft einfach wieder aus. Es gibt schlicht zu vieles, was mir in den Kopf schießt und ich gerne erwidern möchte – zu viel, um überhaupt nur einen Anfang zu finden. Konfrontiert mit einer fast unangenehmen Vehemenz hinter den Sätzen weiß ich mir oft nicht besser zu helfen als einfach still zu bleiben – zusammen mit einem Kopfnicken und freundlichem Lächeln.

Was wir als Investoren suchen

Gleich vorweg: Ich bin kein Gegner des Weltportfolios per se und auch nicht von Indexstrategien. Ich bin jedoch überzeugt, dass es wichtig ist zu verstehen, was man tut – beim Anlegen und überall. Das hilft ungemein bei der Navigation durch Raum und Zeit. Und es bewahrt einen hoffentlich auch vor bösen Überraschungen, die im schlimmsten Fall desaströs enden.

Märkte verändern sich, Finanzinstrumente, die wir nutzen können, ändern sich ebenfalls. Auch Gesellschaften und Technologien. Wer denkt, dass es bei der Geldanlage einen Punkt gibt, ab dem alles erforscht, alles klar und alles gesagt ist, zielt meiner Meinung nach zu kurz. Ähnlich haben auch einmal viele Physiker über ihr Fach gedacht – bis Max Planck und die Quantenphysik um die Ecke kamen.

Unser Ziel als Langfristinvestoren ist es daher ein günstiges und leicht zu investierendes Portfolio zu finden, das über einen möglichst langen Zeitraum trotz aller Veränderungen ohne Eingriffe gut funktioniert, sich möglichst stabil entwickelt und eben möglichst wenige Risiken enthält, für deren Übernahme ich nicht belohnt werde – ja, deren Existenz ich mir im schlimmsten Falle nicht einmal bewusst bin.

Kann das Weltportfolio so eine Strategie sein? Zunächst ein kurzer Rückblick, wie das Weltportfolio funktioniert.

Weltportfolio-Konstruktion revisited

Das Konzept ist einfach, einleuchtend und mit wenig Aufwand umzusetzen. Es fängt bei der Erkenntnis an, dass man an Aktien als Renditequelle bei den aktuell niedrigen Zinsen nicht mehr vorbeikommt. Vorteil: Aktien sind als Ganzes die langfristig einzig ausfallsichere Anlage. Nachteil: die Dinger schwanken bekanntlich mitunter recht ordentlich und gehen in Krisen ganz schön in die Knie. Nichts für schwache Nerven. Was also tun?

Im Weltportfolio mischt man deshalb Aktien mit weniger schwankungsanfälligen Anleihen. Im ersten Schritt bestimmt man dazu eine Aufteilung des Vermögens in einen ‚risikobehafteten‘ und einen ‚risikofreien‘ Teil. Ersterer soll die Rendite bringen und darf dafür schwanken, zweiterer soll der sicher angelegte Sicherheitspuffer sein muss deshalb kein Rendite-Ferrari sein.

Die Kunst besteht im nächsten Schritt nun darin individuell für das eigene Portfolio festzulegen, wie groß die ‚risikobehaftet‘- und ‚risikolos‘-Anteile sein sollen. Dafür bekommt die geneigte Anlegerin eine Tabelle an die Hand, die aufführt, wie stark verschiedene Mischungsverhältnisse aus ‚risikobehaftet‘ und ‚risikolos‘ in den Krisen der vergangenen 50 Jahren maximal eingebrochen sind und wie lange man während so eines Einbruchs maximal unter Wasser lag.

Mit Hilfe dieser Tabelle wählt sie sich dann ihre ‚Lieblingsmischung‘: Man oder frau geht in sich und überlegt, welchen zwischenzeitlichen Verlust sie sowohl 1) vermögensmäßig in der Lage als auch 2) psychologisch bereit wäre, zu verkraften ohne nachts nicht mehr schlafen zu können. Aus der Tabelle sucht sie sich dann das entsprechende Mischungsverhältnis aus, das einen möglichst hohen erwarteten Ertrag hat, aber diesen persönlichen Maximalverlust nicht überschreitet.

Anschließend wird die gefundene Aufteilung mit Leben gefüllt, sprich man sucht sich ein paar zu ‚risikobehaftet‘ und ‚risikolos‘ passende ETFs heraus: für ersteres einen möglichst weltweit gestreuten Aktien-ETF, und für letzteren einen Staatsanleihe-ETF.

Als größte Kassenschlager für den ‚risikobehafteten‘ Teil haben sich ETFs auf den MSCI World Index etabliert, weil man damit eine breite geografische Streuung über die Industrieländer erreicht. Die 18 in Deutschland zum Vertrieb zugelassenen ETFs auf diesen Index, die ich gefunden habe, kommen mittlerweile auf ein Volumen von rund 650 Mrd. USD. Das ist wahrhaft gigantisch, auch wenn es nicht heißt, dass alle Investoren damit das Weltportfolio umsetzen. Auf Platz zwei steht wohl der MSCI All-Country World Index, der neben Industrie- auch Schwellenländer abdeckt und geografisch noch besser gestreut ist.

Wie verhält sich das Weltportfolio über die Zeit?

Um ein besseres Gefühl zu bekommen zeigt die folgende Grafik für eine beispielhafte Aufteilung von 70% MSCI All-Country World Index und 30% deutsche Staatsanleihen, wie sich so ein Investment in der Vergangenheit geschlagen hat. Bis 1969 lässt sich das mit monatlichen Daten gut nachrechnen. Es gab damals noch keine ETFs. Die Idee ist nicht ein für damalige Zeiten realistisches Portfolio zu konstruieren, sondern zu zeigen, wie die Entwicklung mit heute handelbaren Finanzinstrumenten über einen möglichst langen Zeitraum aussehen könnte.

(zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Mit der Darstellung könnt ihr nun leicht nachvollziehen, wie ein Anleger mit einem Einmalinvestment in Abhängigkeit von verschiedene Einstiegszeitpunkte über die Jahre so gefahren wäre: Den Einstiegszeitpunkt – immer der letzte Handelstag eines Jahres – steht am oberen Rand. Die Spalte darunter gibt die entsprechende Rendite in Prozent für 1,2,3 usw. Jahre Haltedauer an. Die Performance ist real, sie berücksichtigt also den Kaufkraftverlust durch Inflation. Ein Rebalancing zurück zu den Gewichten 70% und 30% findet ebenfalls jedes Jahr am letzten Handelstag statt (Details der Übung: 70% Aktien: bis 29.12.2000 MSCI World Net, danach MSCI World All-Country Net. 30% Anleihen: REXP über den gesamten Zeitraum. Inflation: Verbraucherpreisindex der Bundesrepublik Deutschland, lange Reihe. Kosten: 0,3% p.a., kontinuierlich entnommen. Monatliche Daten. Quelle: MSCI Inc., Deutsche Bundesbank, eigene Berechnungen).

Zunächst die gute Nachricht: egal wann man einsteigt, es gibt immer einen Zeitpunkt, ab dem das Portfolio nachhaltig im positiven Bereich landet. Das erwarten wir auch mit so einem hohen Aktienanteil. Aktien schwanken zwar, aber steigen eben langfristig.

Was in den Jahren vor ‚ganz langfristig‘ passiert, ist allerdings eines genaueren Blickes wert: Trotz der weltweiten Streuung gibt es für viele Startzeitpunkte ausgedehnte Phasen negativer Entwicklung. Im schlimmsten Fall hat es über ein Jahrzehnt gedauert – genauer 12 bzw. 13 Jahre -, bis man oder frau zumindest ihren Einsatz wieder raushatte und die Null-Prozent-Marke wieder von der Seite sichtbar wurde. Verdient ist dann noch nichts. Bis eine für die jeweilige Laufzeit einigermaßen akzeptable Performance auf dem Tacho steht, dauert es auch schon mal 20 Jahre oder noch länger.

Die Unsicherheit ist zu groß, um hohe Wertzuwächse für das Alter einzuplanen

Für einen Anleger, der mit dem Weltportfolio seinen Ruhestand finanzieren möchte, ist das ein frustrierendes Ergebnis. Eine Investorin, die für ihr Alter spart, braucht eine möglichst stabile Rechengrundlage und ein Anlageergebnis, auf das sie sich zumindest annähernd verlassen kann.

Im Weltportfolio schwanken die Ergebnisse dagegen auch nach Jahrzehnten des Anlegens immer noch enorm. Eine Anlegerin ist in ihrem Glück also hochgradig vom Startzeitpunkt abhängig. Es kann gut gehen und nach 20 Jahren winken satte 600% Gewinn. Verlassen darf sie sich aber nicht darauf. Bei einem ungünstigen Startzeitpunkt hätten es nach 20 Jahren auch nur 70% reale Rendite sein können. Das entspricht – nach all den Jahrzehnten Nervenkrieg mit roten Zahlen im Depot – einer eher mauen jährlichen Verzinsung von gerade Mal 2,7%. Und wer sagt, dass es in Zukunft nicht noch schlechter laufen kann? Planungssicherheit sieht anders aus.

Anleger unterschätzen die psychologische Wirkung von Crashes

Quer über alle Einstiegszeitpunkte hinweg hat eine Anlegerin mit Aktien in der Vergangenheit im Durchschnitt etwa 5-8% Rendite jährlich verdienen können. Die Voraussetzung dafür ist so einfach wie schwierig: sie muss drinbleiben. Diese 5%-8% Rendite pro Jahr haben keinen Wert, wenn sie unterwegs bei -30% Verlust ausgestiegen ist.

Die Verfechter werden einwenden, dass das kein echtes Problem sei. Schließlich suche sich der oder die geneigte Anleger:in ja deshalb genau die Mischung vorher aus, die zur eigenen Risikotragfähigkeit und Risikotoleranz passt.

Ich bin mir nicht so sicher, ob Anleger und Anlegerinnen ihre Risikotoleranz immer korrekt abschätzen können. Forschungsergebnisse der verhaltensorientierten Finanzwirtschaft ziehen das jedenfalls in Zweifel: Anleger:innen lassen sich gerne von Renditen der nahen Vergangenheit leiten, wenn sie sich eine Meinung über die Zukunft bilden (siehe z.B. dieses Paper). In einem positiven Umfeld tendieren sie also dazu, die positive Entwicklung in die Zukunft fortzuschreiben. In guten Zeiten wie aktuell lässt sie das weniger vorsichtig sein und andersherum in einem Crash noch Schlimmeres erwarten und entprechend reagieren. Dazu sind viele Anleger neu am Markt und haben noch nicht erfahren, wie es sich anfühlt jahrelang mit seinem Depot unter Wasser zu sein. Solche Erinnerungen verblassen allerdings auch bei erfahrenen Anlegern schnell. Jeremy Grantham, einer der Mitgründer des amerikanischen Asset Manager GMO, bringt das in seinem berühmten Zitat auf dem Punkt, mit dem er auf die Frage antwortet, was denn Anlegerinnen aus der Finanzkrise gelernt hätten:

In the short term a lot, in the medium term a little, in the long term, nothing at all. That would be historical precedent.

Besonders langgezogene Abwärtsphasen sind schwierig durchzuhalten. Das habe ich hautnah in der ersten Reihe selbst erlebt. Sind Monat für Monat wieder ein paar Prozentpunkte hart verdientes Geld verdampft wie in der Finanzkrise, hämmert der Gedanke immer lauter, wie leicht und logisch es doch wäre, die nächsten Monate nach unten ‚einfach mal kurz auszusetzen‘. Natürlich nur, um dann rechtzeitig wieder reinzugehen bevor es dreht; es ändert sich ja nichts, man geht ja nicht für immer raus. Nur für ein ganz kleines bisschen…

Wenn dazu – wie September 2008 – der Markt schon fast ein Jahr auf Abwärtsfahrt ist und dann aufgrund ’systemändernder‘ Ereignisse noch einmal so richtig Gas nach unten gibt mit -30% in vier Wochen, und wenn gleichzeitig große Tageszeitungen auf der Titelseite allen Ernstes fragen, ob denn morgen früh unser Finanzsystem noch da sein wird, kommt Endzeitstimmung auf. Da wird es immer schwieriger auf den Händen sitzen zu bleiben. Man muss entweder mit stoischem Desinteresse gesegnet sein, oder man lässt sich ähnlich wie Odysseus an den Küchentisch binden, um an den Verkaufen-Button gar nicht erst ranzukommen. Die teuerste Frage aller Zeiten lautet dann: was ist, wenn diesmal vielleicht doch alles anders ist?

Wir wissen nicht, wie wahrscheinlich ein anderer Verlauf war. Wir wissen aber: Wenn ein größerer Teil der eigenen Alterssicherung immer schneller dahinschmilzt wie Eis in der Mikrowelle, ist Durchhalten nicht so einfach, wie man sich das in guten Zeiten vorstellt.

Wenn ich so gut diversifiziert bin, warum hat das Weltportfolio so tiefe Einbrüche?

Die obige Grafik zeigt die Performance am Jahresende. Sie berücksichtigt nicht, was zwischen den Jahreswechseln los war. Die Einbrüche können im Jahresverlauf deutlich tiefer gewesen sein. Das ist eine eigene Grafik wert. Weil man für eine solche Darstellung Tagesdaten braucht und ich keine länger zurückgehenden gefunden habe, startet sie erst 2002.

Spitzenreiter ist die Finanzkrise. 37% hatte unsere 70/30-Mischung darin zwischenzeitlich abgebaut. Das ist enorm.

Eine sehr gute Frage lautet deshalb, wie ich finde: Wenn ich so gut diversifiziert bin, warum hat das Weltportfolio dann so tiefe Einbrüche? Wo kommen diese verflixten Drawdowns her?

Mir fällt darauf eine dreigeteilte Antwort ein:

Mehr Aktien sind nicht die Lösung

Hält man den MSCI World oder MSCI ACWI, hat man 1.600 oder gar 3.000 Aktien gleichzeitig im Depot. Man möchte meinen, mehr Diversifizierung geht gar nicht?

Wenn das ganze Anlageuniversum dieser Welt nur aus Aktien bestehen würde, wäre sie nicht zu schlagen. Geht eine der x-tausend Aktien Pleite, käme das nicht im Depot an. Diversifikation über die Anzahl der Titel hat allerdings einen ‚abnehmenden Grenznutzen‘, d.h. wenn ich schon eine bestimmte Anzahl Titel habe, bringt noch einer mehr immer weniger Diversifikation. Bei über 1.000 Titeln ist der Diversifikationsbeitrag eines weiteren praktisch null. So viele Titel sind dafür nicht nötig. So haben ETFs, die auf einen minimal schwankenden Kursverlauf und deshalb auf maximale Diversifizierung fokussiert sind (sog. Minimum Variance-ETFs wie z.B. der hier) selten mehr als 300 Titel im Portfolio. Noch mehr Aktien bringen keine Streuungs-Vorteile.

Das Weltportfolio reagiert wie ein reines Aktienportfolio

Aber wir haben ja auch den ‚risikolosen‘ Teil im Portfolio. Wie man bei manchen Autoren liest, sorgt der doch auch für Diversifikation? Wenn es kracht an den Aktienmärkten flüchten viele Investoren in Anleihen, die deshalb steigen. Das sollte dem Weltportfolio guttun, weil die Anleihen helfen, den Aktieneinbruch abzufedern. Aktien fallen + Anleihen steigen = Depot fällt weniger.

So zumindest die oft erzählte Geschichte. Sie klingt plausibel. Schließlich haben wir doch einen Anteil von stolzen 30% Anleihen im Portfolio! Diese 30 Prozent sollten uns als ‚last man standing‘ ein wenig am Schopfe aus dem Morast ziehen, oder zumindest nicht so tief einsinken lassen?

Die ungeschönte Wahrheit lautet: tun sie nicht mal im Ansatz. Zumindest für die Mischungen mit hohem Aktienanteil wie unsere 70/30-Mischung.

Absolut betrachtet schwanken Anleihen normalerweise deutlich weniger als Aktien. Die Gegenbewegung kommt im Portfolio schlicht nicht an. Nachgerechnet und in nackten Zahlen ausgedrückt: 97,3% aller Schwankungen unserer 70/30-Mischung lassen sich durch das Verhalten des Aktienanteils erklären. Das Verhalten der 30% Anleihen machen im Ergebnis auf Portfolioebene nicht einmal klägliche 3% aus. Es spielt also keine Rolle, wie sie sich bewegen. Anleihen leisten keinen Beitrag zur Diversifikation des Aktienanteils.

Dieses Ergebnis ist auch für professionelle Anleger oft überraschend. Intuitiv ist es allerdings leicht nachvollziehbar: Wenn du abends nach der Arbeit auf deinem Handy nur den Stand eines einzigen Index nachsehen musst, um zu wissen, was dein Portfolio heute gemacht hat, kannst du nicht gut über Aktien hinaus diversifiziert sein.

Das Weltportfolio ist eine sehr aktive Wette auf positives Wirtschaftswachstum und niedrige Inflation

Wenn das Weltportfolio also tatsächlich nur auf Veränderungen von Aktienkursen reagiert, und die für die großen Einbrüche verantwortlich sind, ist die logisch nächste Frage: was verändert die Aktienkurse? Was führt dazu, dass sich Kurse nachhaltig bewegen?

Klar, Nachrichten. Etwa Unternehmensnews, Veröffentlichung von Konjunkturindikatoren, Inflationsschätzungen, Zentralbank-Statements, politische News, geografische Ereignisse, Unglücke, Tweets von Elon Musk etc., etc., etc.

Den Preis von Aktien bestimmen tatsächlich die Markteilnehmer, die diese Aktien handeln. Und die interessiert abgesehen von ethischen oder ökologischen Gesichtspunkten schlicht, was in ihrem Geldbeutel passiert. Welche Erträge kommen aus dem Investment? Oder, etwas ökonomischer: wie entwickelt sich der heutige Wert aller zukünftigen Cash-Flows aus dem Unternehmen, also aller Geldflüsse in Richtung Investor. Dividenden sind ein Teil davon, aber nicht alles. Eine Aktie ist eine Beteiligung. Irgendwann wird jede Investorin diese Beteiligung verkaufen, und wenn es am jüngsten Tag ist. Der dann erzielbare Verkaufserlös ist abhängig davon, wie sich die künftigen Erträge, wie der Wert von Patenten, von Anlagen etc. der Firma entwickeln. Investoren reagieren also sehr hellhörig auf alle Nachrichten, die ihre aktuelle Sicht auf die zukünftige Ertrags- und Vermögenslage ‚ihrer‘ Unternehmen ändern.

Das ist intuitiv, ist aber nicht alles. Weil alle zukünftigen Cash-Flows – man mag es ahnen – in der Zukunft liegen, ist auch ihre Einschätzung der künftigen Inflation wichtig. Sie bekommen beim Verkauf ihres Anteils keinen halben Lieferwagen und drei Bürostühle vor die Haustür gerollt, sondern den Verkaufswert aufs Konto gutgeschrieben.

Kurse fangen vor allem dann zu laufen an, wenn eine größere Gruppe von Investor:innen anfängt ihre Erwartungen zu ändern:

  1. Bezüglich der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung
  2. Bezüglich der künftigen Inflationsentwicklung

Das ist überall so, nicht nur in Europa oder den USA.

Was das für das Weltportfolio bedeutet, liegt auf der Hand:

Aktien als Anlageklasse – und damit die Renditen des Weltportfolios – reagieren negativ auf schlechter werdende wirtschaftliche Rahmenbedingungen und – obwohl sie ’sachwert-nah‘ sind – ab einem gewissen Punkt auch negativ auf steigende Inflationserwartungen. Das mag für einige überraschend sein, ist empirisch aber gut belegt. Je höher die Inflation über rund 5% hinaus klettert, umso schlechter sind Aktien gelaufen. Kommt beides zusammen, lagen Aktienrenditen bei rund -4.7% p.a.

Das Weltportfolio ist also wunderbar diversifiziert gegenüber Einzelaktienrisiken. Bezüglich der wirtschftlichen Großwetterlage ist es aber alles andere als prognosefrei und passiv. Ein Aktienportfolio wie das Weltportfolio ist eine sehr aktive Wette auf hohes Wirtschaftswachstum und geringe Inflation – auch wenn es eine globale Wette ist.

Werden diese Erwartungen enttäuscht oder verkehren sie sich ins Negative, läuft das Portfolio nach unten. Daher kommen die immer wiederkehrenden Einbrüche.

Das Weltportfolio ist weder prognosefrei noch besonders diversifiziert. Während den meisten Anlegern die Abhängigkeit von Aktien zu Konjunktur- und Inflationseinschätzungen klar ist, nehmen sie sie nicht als Risikofaktoren für Ihre Altersvorsorge wahr. Es ist eine Wette, die über die letzten 40 Jahre im Mittel gigantisch gut aufging. Niemand gibt jedoch die Garantie, dass das so bleibt. Aktuell ist das eher unwahrscheinlich.

Es ist an der Zeit anders zu denken

Nun mag ein eingefleischter Weltportfolio-Fan denken: „mir doch piepegal, ich sitz das einfach aus“. Dagegen ist nichts einzuwenden, das kann man aussitzen. Falls ich diese Einbrüche jedoch mit einfachen Mitteln abmildern kann, wäre die nächste Frage: warum sollte ich das aussitzen?

Ich finde es lohnenswert, dafür einen großen Schritt zurückzugehen und schon die Herangehensweise beim Anlegen zu hinterfragen, wie sie nicht nur im Weltportfolio sondern auch bei vielen Vermögensverwaltern gang und gäbe ist. Das beginnt bei der pauschalen Aufteilung des Portfolios in ‚risikobehaftet‘ und ‚risikolos‘. Ich empfinde sie als wenig hilfreich, ja sogar als hinderlich. Corey Hoffstein, der Gründer der Analysefirma Newfound Research, ist bekannt für seinen Satz

Risk cannot be destroyed, only transformed.

Risiko ist nicht gleich Risiko. Unterschiedliche Risiken werden durch unterschiedliche Einflussfaktoren getrieben. Um mit meinen Risiken gut umgehen zu können, um sie zu ‚transformieren‘, muss ich sie dazu vorher nicht wenigstens im Ansatz verstanden haben? Wenn ich jedoch – ohne auch nur einmal hineinzusehen – den Deckel auf den Topf lege und ‚riskanter Portfolioanteil‘ darauf schreibe und nicht weiter darüber nachdenke, verhindere ich genau das und nehme mir jede weitere Möglichkeit damit umzugehen. Entsprechend wird es auch beim Transformieren nie zu Recht viel mehr reichen als zu einem eindimensionalen ‚mehr Reingehen‘ oder ’nicht so viel Reingehen‘ wie bei der Konstruktion des Weltportfolios.

Sind die Drawdowns des Weltportfolios vermeidbar?

Was also tun? Überhaupt nicht mehr in Aktien zu investieren und stattdessen wieder zum Sparbuch zurückzukehren kann natürlich nicht die Lösung sein.

Wenn ich schon so gut in Aktien diversifiziert bin, darüber hinaus aber überhaupt nicht, ist der naheliegende, einfache und nicht viel aufwändigere Schritt: weiter mit anderen Anlageklassen diversifizieren. Viele Anleger tun sich damit schwer, weil ihr Anlageuniversum bisher nie über Aktien und kurzlaufende Anleihen hinausging. Die Vorteile liegen aber auf der Hand: Der Depot-Verlauf ruhiger und viele Drawdowns werden geringer ausfallen, sobald ich etwas zusätzlich ins Depot nehme, dass auf andere Einflüsse ‚hört‘ als Aktien.

Falls etwa Inflation tatsächlich wieder zu unserem ständigen Begleiter wird, kann sich etwas ein deutlicher Rohstoff-Anteil im Anlagemix als beruhigende Bereicherung auszahlen. Rohstoffe sind eine der ganz wenigen Anlageklassen, die tendenziell positiv auf Inflationserwartungen reagieren.

Auch aus gesamtwirtschaftlichen Überlegungen ist es meiner Meinung nach so wichtig wie selten auf echte Diversifikation zu achten. Noch nie waren unsere Volkswirtschaften in so vielen Bereichen gleichzeitig in ‚unerforschtem Territorium‘ unterwegs wie heute. Noch nie haben Stimuli und Anleihekaufprogramme solche Ausmaße erreicht wie heute und noch nie hatten Zentralbanken bei den schon extrem niedrigen Zinsen im Fall von Schocks weniger Manövriermasse als heute. Schon aus diesem Grund sollten Anlegerinnen und Anleger echte Diversifikation allen anderen Zielen voranstellen.

Wer sich nicht selbst rantraut, findet auch auf ‚pre-packaged‘-Produkte. Der mittlerweile fast 1,5 Mrd. Euro schwere ARERO-Fonds von Prof. Martin Weber aus Mannheim geht in diese Richtung, auch wenn er einige Punkte aus meiner Sicht – mit Verlaub – nicht optimal löst.

Zusammenfassung

Der größte Nachteil des Weltportfolios ist seine hohe Sensitivität gegenüber gesamtwirtschaftlichen Erwartungen und Inflationserwartungen. Das macht es in Wahrheit zu einem höchst aktiven Portfolio und die Vermögenssituation im Alter zu einer Wette auf hohes Wirtschaftswachstum und gerine Inflation. Das verursacht immer wiederkehrende große Drawdowns. Entgegen dem Glauben vieler Anleger ist das Weltportfolio deshalb alles andere als prognosefrei und gut diversifiziert.

Wir haben gesehen, dass noch mehr Aktien und noch mehr Länder keine Lösung sind, weil alle Aktien auf dieselben Faktoren reagieren, egal, wo sie beheimatet sind. Als Anleger:in ist es besonders in der heutigen Situation ratsam, mit anderen Anlageklassen über Aktien hinaus zu diversifizieren.

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