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Die große Zeitenwende

Unsere Welt verändert sich gerade in rasendem Tempo. Alte Gewissheiten brechen weg und gefühlt wird unser wirtschaftliches Umfeld jeden Monat ein Stück unvorhersehbarer. Was bedeutet das für unsere Geldanlage? Können wir uns darauf verlassen, dass die Strategien, die uns über Jahrzehnte treue Dienste geleistet haben, auch in Zukunft funktionieren?

Diese dreiteilige Serie geht dieser Frage nach (hier der Übersichtsartikel). Sie zeigt, warum die „goldene Ära des Investierens“ gerade unumkehrbar endet, warum viele der bewährten Rezepte der letzten Jahrzehnte in dem neuen Umfeld nicht mehr automatisch funktionieren werden – und wie wir damit umgehen können.

In diesem Teil 2 geht es um die große Zeitenwende, in der wir uns gerade befinden. Wir beleuchten die Gründe, sehen uns die Mechanik dahinter an und sehen, wohin sie uns führen wird.

Es ist der 23. September 2022.

Kwasi Kwarteng, Finanzminister unter Liz Truss, steht am Rednerpult des britischen Unterhauses. Er verkündet das größte Steuersenkungsprogramm seit 50 Jahren: Körperschaftssteuer bleibt niedrig, Spitzensteuersatz weg, Entlastung von Banken – alles finanziert durch neue Schulden.

Was dann passiert, ist bemerkenswert.

Binnen Stunden steigen die Renditen britischer Staatsanleihen deutlich an. Das Pfund verliert massiv an Wert. Pensionsfonds – vollgepackt mit britischen Staatsanleihen – geraten in akute Liquiditätsprobleme. Die Bank of England muss mit Notkäufen eingreifen, um den Markt zu stabilisieren und eine Finanzkrise abzuwenden.

49 Tage später ist die Regierung von Liz Truss Geschichte.

Zum ersten Mal seit den frühen 1980er Jahren haben Investoren der Regierung eines westlichen Staates klargemacht: “Nein, wir werden eure neuen Schulden nicht mehr bedingungslos finanzieren.” Es ist ein Bruch mit einer 40-jährigen Selbstverständlichkeit.

Das Ende einer Ära

Normalerweise können wir als langfristig orientierte Privatanleger Politik und makroökonomische Verwerfungen getrost ignorieren. Diversifiziertes Portfolio, lange Haltedauer, fertig.

Aber es gibt Momente in der Geschichte, in denen sich die ‚tektonischen Platten‘ so fundamental verschieben, dass sie die Spielregeln der Finanzmärkte auf Jahrzehnte hinaus verändern werden.

So einen Moment erleben wir jetzt gerade.

Die Liz-Truss-Episode war kein isolierter Vorfall. Sie war das erste sichtbare Symptom zweier tektonischer Kräfte, die unter der Oberfläche bereits seit Jahren am Werk sind: wachsende Staatsverschuldung und die Rückkehr des Merkantilismus. Sie prägen die neue Epoche vor uns tiefgehender, als viele vielleicht ahnen.

In Teil 1 dieser Serie haben wir zurückgeblickt: Wie haben fallende Zinsen, niedrige Inflation und Zentralbankpolitik die „goldene Ära des Investierens“ der letzten 40 Jahre ermöglicht – und jahrzehntelang außerordentliche Kursgewinne und fast grenzenlose Verschuldung erlaubt. In diesem zweiten Teil blicken wir nach vorn: Wie haben dadurch aufgebaute Ungleichgewichte zu diesen Reaktionen geführt, die uns jetzt in eine gänzlich neue Epoche des Investierens leiten. Wir sezieren die Mechanik dahinter.

Konkret erfährst du in diesem Artikel:

  • Welche zwei Grundkräfte unsere Investmentwelt gerade fundamental umgestalten
  • Wie diese Kräfte konkret funktionieren – und warum sie unumkehrbar sind
  • Warum sie sich gegenseitig verstärken und zu einem echten Systembruch führen
  • Was das für dein Kapitalanlage bedeutet

Die Treiber der Veränderung

Zunächst: Was sind diese beiden Kräfte genau? Danach sehen wir uns an, wie sie wirken.

Treiber 1: De-Globalisierung und Rückkehr des Merkantilismus

Was jahrzehntelang weit weg schien – jeder Staat denkt nur noch an sich – ist plötzlich wieder globaler Mainstream.

Merkantilismus ist eine fast archaische Wirtschaftslogik, die man aus den Geschichtsbüchern kennt. Im Kern geht es darum, das eigene Wachstum und den eigenen Wohlstand gegenüber anderen Nationen zu sichern. Das Ziel: mehr verkaufen als importieren, heimische Industrien mit Subventionen und Schutzzöllen stärken, die eigene Währung nach Möglichkeit schwach halten.

Jahrzehntelang galt der freie, globale Handel als Garant für wachsenden Wohlstand – nach dem Motto „Alle profitieren von Offenheit und Kooperation“. Mittlerweile kehrt sich das Blatt. Das neue Motto heißt: „Unser Wohlstand zuerst – notfalls auf Kosten der anderen“.

Treiber 2: Hohe Staatsverschuldung vieler Industrienationen

Gleichzeitig erreicht der globale Schuldenstand neue Allzeithochs. Diese Grafik hast du vermutlich schon an anderer Stelle gesehen.

Entwicklung der globalen Staatsverschuldung über die Zeit.

Einzelne Länder sind bereits seit Längerem bei über 100 % ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung. In vielen westlichen Staaten wachsen die Schulden schneller als die Wirtschaft.

Aktueller Schuldenstand einiger ausgewählter westlicher Nationen.

Und das Schuldenaufnehmen geht vielerorts weiter. Was früher als „temporäres Defizit“ abgetan wurde, ist längst zur neuen Normalität geworden. Investoren beginnen zu hinterfragen, wie nachhaltig diese Entwicklung ist – und ob Staatsanleihen wirklich noch risikolos sind.

Was haben diese beiden Kräfte nun konkret für Auswirkungen auf uns Privatanlegende? Um das zu verstehen, schauen wir uns zunächst die Mechanik hinter diesen beiden Kräften tiefer an – und wie sie sich gegenseitig bedingen und verstärken.

Wie diese Kräfte das System verändern

Merkantilismus – der Rückfall in nationale Eigeninteressen

Ab den 1990ern wurde China zur Werkbank der Welt – nicht nur durch billige Arbeitskräfte, sondern durch gezielte Staatslenkung: Der Yuan blieb künstlich schwach, Exportüberschüsse waren Staatsziel, westliche Unternehmen mussten für Marktzugang Technologie teilen, strategische Sektoren blieben abgeschottet.

Mittlerweile ist China zu einem wirtschaftlichen und strategischen Rivalen geworden – siehe das Gerangel um seltene Erden. Andere Länder werden gezwungen, nachzuziehen, wollen sie ihre Rolle im globalen Wettbewerb behalten.

Das Fatale:
Je mehr Länder sich dieser merkantilistischen Sichtweise hingeben und entsprechend agieren, umso mehr wächst die Angst in den verbleibenden Ländern, ebenfalls mitmachen zu müssen um die eigene Wirtschaft mit staatlichen Eingriffen zu schützen und selbst vermeintlich nicht aufgerieben zu werden.

Ein merkantilistischer Staat versucht deshalb systematisch:

  • Mehr zu exportieren als zu importieren, um einen Handelsbilanzüberschuss zu erzeugen
  • Die eigene Währung schwach zu halten, um diese Exporte billiger zu machen
  • Heimische Industrien durch Subventionen zu stärken und wettbewerbsfähig zu halten
  • Gleichzeitig ausländische Konkurrenz durch Zölle und Vorschriften zu behindern

Wir erleben diesen Merkantilismus bereits mehr als deutlich:

  • Trumps Handelskriege
  • US-„Inflation Reduction Act“ und „CHIPS Act“ – Industriepolitik fast wie zu Hochzeiten sowjetischer Fünfjahrespläne
  • Europas „Green Deal“, praktisch ein milliardenschweres Subventionspaket
  • China reguliert technologische Schlüsselbereiche und den Zugang zu seltenen Ressourcen
  • Gezielter Einsatz technologischer Infrastruktur als Hebel (wie etwa der kürzliche Druck der US-Regierung auf Microsoft, bestimmte E-Mail-Accounts des internationalen Gerichtshofs zu sperren)

Die Folgen:

Das alte „Alle profitieren“-Prinzip steht immer stärker zur Disposition. Globale Kooperation wird mehr als ein ‘instabiles Gleichgewicht’ wahrgenommen, das zusammenbricht, sobald nur genügend ausscheren. Was bleibt, ist ein „jeder für sich“:

  • Multilaterale Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO) oder der Internationle Währungsfonds (IMF) verlieren an Relevanz und Einfluss.
  • Staatliche Eingriffe bleiben keine Ausnahme, sondern werden zur wirtschaftlichen Norm.
  • Staaten streben einen höheren Grad der Selbstversorgung an: Produktion wird ‘wieder nach Haus geholt’ (das viel zitierte ‘Reshoring’).
  • In der Konsequenz wollen Staaten Kapitalflüsse und Investitionen stärker dorthin lenken, wo sie es selbst als strategisch wichtig erachten.
  • Weil Kapital dafür eher ‘zu Hause’ gebraucht wird, wird es im Ausland eher abgezogen werden.

Staatsverschuldung

Staatsschulden unterscheiden sich von privaten Schulden: Staaten können Steuern erheben, Zentralbanken können Geld drucken. Solange Vertrauen herrscht, ist Verschuldung unbequem, aber nicht unmittelbar bedrohlich.

Der Liz-Truss-Moment hat gezeigt: Investoren sind in dieser Zeit nicht mehr bereit, neue Staatsschulden bedingungslos zu finanzieren. Selbst etablierte Länder stoßen an Grenzen.

Dazu wird die Zinslast bei immer weiter steigenden Schulden immer teuerer. Hoch verschuldete Staaten müssen das über kurz oder lang in den Griff bekommen. Welche Möglichkeiten hat nun aber ein Staat, seine Schulden abzubauen?

Drei Wege sind dafür denkbar:

  1. Schuldenschnitt (Staat fällt als Schuldner aus) – in den großen, westlichen Demokratien praktisch undenkbar, es würde ein unkontrollierbarer globaler Dominoeffekt entstehen.
  2. Harter Sparkurs („Austerität“) – würde die Wirtschaft in eine Rezession treiben mit hohen sozialen Verwerfungen. Dazu politisch höchst unbeliebt. Ein praktisches Beispiel ist Griechenland vor gut 10 Jahren.
  3. Langsame, stille Entschuldung durch Inflation.

Das wahrscheinlichste und bequemste Szenario ist Nummer 3. Die Inflation erodiert langsam real die Schulden. Das geht so: Die Regierung bzw. die Zentralbank lässt etwas erhöhte Inflation zu, gleichzeitig bleiben die Zinsen so niedrig wie möglich. Dadurch sinkt die Kaufkraft des durch den Staat geliehenen Geldes stärker als die Zinsen, die er dafür zahlen muss – der Staat entschuldet sich.

Wie kann man nun sicherstellen, dass die langfristigen Zinsen auch tatsächlich niedrig bleiben? Das passiert nur, wenn es genügend Nachfrage nach den heimischen Staatsanleihen gibt (wenn sie keiner kauft, fällt der Preis; mit der festen Zinszahlung wird die Rendite dadurch höher, die Zinsen steigen).

Der Staat hat also einen Anreiz, etwas nachzuhelfen und die Nachfrage gezielt zu födern:

  • Banken und andere ‘Kapitalsammelstellen’ wie Pensionsfonds werden durch steuerliche Regeln, Vorschriften oder sanften Druck angehalten, eigene Staatsanleihen zu halten.
  • Für Auslandsanlagen werden Steuern oder Beschränkungen eingeführt.
  • Andere Kapitalkanäle werden bewusst unattraktiv gemacht.

Merkantilismus und Überschuldung schaukeln sich gegenseitig auf

Diese beiden Kräfte existieren nicht isoliert, sondern treiben sich wechselseitig immer weiter an. Aus ökonomischem Wandel wird so eine echte Systemänderung.

Überschuldung führt zu mehr Merkantilismus:
Eine hohe Staatsverschuldung schränkt den Handlungsspielraum eines Staates massiv ein. Um seine Schulden zu bedienen und Wachstum zu sichern, nutzen Staaten jede noch verbleibende Möglichkeit. Subventionen und Protektionismus sind dann attraktive Mittel. Die Idee: Wer seine Industrie schützt und Handelsbarrieren aufbaut, hält Wachstum und Jobs im eigenen Land – und stabilisiert damit die eigenen Staatsfinanzen.

Merkantilismus verschärft die Verschuldung:
Mehr Abschottung und Subventionen führen allerdings zu weniger Wettbewerb, und dadurch zu sinkender Effizienz und höheren Kosten. Wirtschaftliches Wachstum verliert an Dynamik. Gleichzeitig kosten Industriepolitik und Handelskonflikte Milliarden – was wieder neue Schulden erfordert.

Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Je mehr Schulden, desto mehr staatliche Interventionen – je mehr Intervention, desto weniger freier Handel und desto schneller steigen die Kosten. Ein Teufelskreis, der Kapitalmärkte fragmentiert, Ressourcen ineffizient verteilt und Anleger zum Spielball politischer Interessen macht.

Die Folgen für uns Anleger

Die Chancen stehen hoch, dass wir deshalb gerade vor der größten Kapitalmarkt-Zeitenwende unseres Lebens stehen, die das Fundament der Kapitalmärkte auf Jahrzehnte verschieben wird. Diese Verschiebungen sind keine fernen Zukunftsszenarien und keine vorübergehende ‘schwerige Phase’. Sie wirken bereits heute – und werden in den kommenden Jahren an Fahrt aufnehmen.

Die Folgen für uns Privatanleger liegen auf der Hand:

Anlegen wird anspruchsvoller
Der globale Kapitalmarkt zerfasert. Regulierung, Vorschriften und politische Risiken nehmen zu. Dazu kommt:
Viel der künftigen Renditen wurde durch das sehr positive Umfeld der vergangenen 40 Jahre bereits „vorweggenommen“. Bewertungen von Schlüsselmärkten wie die USA sind im historischen Vergleich sehr hoch. Einfache Anlagekonzepte reichen in diesem Umfeld und mit dieser sich einengenden Welt unter Umständen nicht mehr aus. Selbst ein solid erscheinendes Depot ist künftig stärker politischem Einfluss und schleichender Enteignung ausgesetzt als früher.

Staatsanleihen von stark verschuldeten Ländern verdienen nach Inflation zu wenig
Wenn Staaten ihre Schulden schleichend weginflationieren, werden ihre Staatsanleihen bei 2-3 % Zinsen und 4-5 % Inflation real zu Verlustbringern. Was früher „risikolos“ war, wird zur stillen Enteignung. Dies gab es bereits mehrmals in der Geschichte (zum Beispiel in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg).

Konventionelle Sparer werden schleichend enteignet: 
Bei 2 % Sparbuch-Zinsen und 3-4 % Inflation würde die Kaufkraft des Vermögens jedes Jahr rund 1-2 % einbüßen.

USA-lastige Diversifikation könnte zum Bumerang werden:
Wenn Länder durch merkantilistische Überlegungen ihr Kapital nach Hause holen, wird dies Märkte mit hohem Anteil an ausländischen Investoren besonders negativ treffen. Beispiel USA: Etwa 30 Billionen USD an US-Aktien und -Anleihen werden von Ausländern gehalten. Der MSCI World besteht zu über 70 % aus US-Aktien. Indizes mit hohem USA-Anteil könnten deshalb jahrelang hinter Märkten mit geringerem Anteil an ausländischen Investoren zurückbleiben.

Das Einzelländer- bzw. Regionenrisiko steigt
Es ist nicht ausgeschlossen, dass einzelne Länder oder Regionen durch Sanktionen oder Kapitalverkehrskontrollen quasi über Nacht nicht mehr investierbar werden (das jüngste Beispiel dafür ist Russland nach dem Angriff auf die Ukraine).

Der Staat wird zum unsichtbaren Portfolio-Manager
Freie Kapitalallokation weicht vermehrt staatlichen Vorgaben. Der Staat wird zum unsichtbaren Mitspieler im Portfolio und entscheidet mit – indirekt oder direkt, durch steuerliche Anreize, Regeln und Verbote – wohin dein Geld fließen darf und wohin nicht. Freie Kapitalallokation wird schwieriger.

Alte Regeln müssen hinterfragt werden
Wer starr an veralteten Annahmen und Erwartungen festhält, kann von (geo‑)politischen Wendungen überrollt werden. Passives Abwarten reicht unter Umständen nicht mehr aus.

Die gute Nachricht ist:
Wer die neuen Spielregeln versteht, kann sich darauf einstellen.

Wie wir als Privatanleger damit umgehen können, wird Stoff des dritten Teils dieser Trilogie.

ÜBER DEN AUTOR

Dr. Christof Sigl-Grüb

Finanznerd und
Vermögensverwaltungsveteran

Christof liebt alles, was mit Finanzen und Geldanlage zu tun hat.
Der promovierte Betriebswirt hat fast 20 Jahre Berufserfahrung im
Private Banking, Financial Planning und als Portfolio Manager im
quantitativen institutionellen Asset Management.

Heute gibt er sein Wissen weiter und hilft Menschen dabei, ihr Geld selbst – und besser – anzulegen. Wo andere bei der Geldanlage aufhören, fängt er erst so richtig an.

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