Das Ende einer Ära: War der Erfolg mit dem MSCI World Können – oder einfach 40 Jahre perfektes Timing?
Unsere Welt verändert sich gerade in rasendem Tempo. Alte Gewissheiten brechen weg und gefühlt wird unser wirtschaftliches Umfeld jeden Monat ein Stück unvorhersehbarer. Was bedeutet das für unsere Geldanlage? Können wir uns darauf verlassen, dass die Strategien, die uns über Jahrzehnte treue Dienste geleistet haben, auch in Zukunft funktionieren?
Diese dreiteilige Serie geht dieser Frage nach (hier der Übersichtsartikel). Sie zeigt, warum die „goldene Ära des Investierens“ gerade unumkehrbar endet, warum viele der bewährten Rezepte der letzten Jahrzehnte in dem neuen Umfeld nicht mehr automatisch funktionieren werden – und wie wir damit umgehen können.
Dieser Teil 1 beschäftigt sich mit dem ‘goldenen Zeitalter des Investierens’ der letzten 40 Jahre: Warum es so außergewöhnlich gut lief, welche Kräfte im Hintergrund wirkten – und warum wir dieses Umfeld eher als Ausnahme denn als Regel verstehen sollten.
Wie lief dein Portfolio in den letzten Jahren?
Ich wette ziemlich gut – besonders, wenn du dem Standard-Tipp für Kapitalanlage in Eigenregie folgst: Investiere passiv in einen ETF auf den MSCI World, den MSCI ACWI oder den FTSE All World-Index. Pack ein bisschen Anleihen als ‘Risikoanker’ dazu und du bist fertig. Kurzfristig geht es mal hoch und mal runter, aber langfrsitig steigen Aktien eben – so latet die Erzählung.
Und ja: In den letzten 15 Jahren ging diese Rechnung atemberaubend gut auf. Viele Anlegerinnen und Anleger haben zweistellige Jahresrenditen gesehen. Kein Wunder, dass manche glauben, Kapitalanlage sei im Grunde kinderleicht. Ein ehemaliger Finfluencer meinte sogar, er habe aufgehört, „weil zum Thema Geldanlage schon alles gesagt sei“.
Was aber, wenn es in Wirklichkeit doch nicht so einfach ist?
Eine unbequeme Frage an deine Investment-Philosophie
Viele, die heute aktiv investieren, kennen nur ein Umfeld freundlicher Märkte.
Wir neigen dazu, das, was wir zuletzt erlebt haben, für normal zu halten – der sogenannte Availability Bias.
Und weil die letzten Jahrzehnte so gut liefen, erwarten viele intuitiv, dass es genauso weitergeht.
Die unbequeme, aber enorm wichtige Frage lautet deshalb:
Was, wenn die letzten 40 Jahre nicht die Regel waren – sondern eine historische Ausnahme?
Was, wenn der Erfolg passiver Strategien weniger auf deren Genialität basiert, sondern auf einem jahrzehntelangen makroökonomischen Jahrhundert-Geschenk?
Es spricht einiges dafür:
Drei der sechs besten Aktienjahrzehnte seit 1800 liegen in diesem Zeitraum, und viele Märkte sind heute wieder auf Bewertungsniveaus, die historisch zu den teuersten gehören.
Regel vs. Ausnahme
Um das zu verstehen, müssen wir einen Schritt zurücktreten, rauszoomen und “den Wald trotz der ganzen Bäume sehen”.
Die Erkenntnis daraus ist für viele erfolgreiche passive Anleger schwer zu akzeptieren:
Das klassische 60/40-Portfolio oder ein simples Weltportfolio hat nicht deshalb so gut funktioniert, weil es eine universell überlegene Strategie ist.
Es funktionierte so gut, weil das makroökonomische Umfeld der letzten Jahrzehnte wie maßgeschneidert dafür war.
„Passiv investieren“ klingt, als würde man auf nichts wetten.
In Wahrheit ist es eine massive und sehr aktive Wette auf ein ganz bestimmtes wirtschaftliches Umfeld. Eines, das durch Globalisierung, billige Arbeitskräfte, niedrige Zinsen, niedrige Inflation erzeugt wurde.
Das 40 Jahre lang andauernde Investment-Geschenk
Die historischen Voraussetzungen für den Aktienboom
Diese Zutaten setzten eine Art selbstverstärkende „Makro-Maschine“ in Gang, die steigende Aktienkurse fast unvermeidlich machte.
- Chinas Währungsreform von 1994: Damit machte China den Renminbi für viele alltägliche Handelsgeschäfte erstmals einsetzbar und legte die Basis für seine spätere Umtauschbarkeit. Gleichzeitig koppelte die Regierung den Kurs eng an den US-Dollar, um Stabilität zu schaffen und den Einstieg in den internationalen Handel zu erleichtern.
- Chinas Beitritt zur WTO im Jahr 2001: Er erleichterte ausländischen Unternehmen den Zugang zum chinesischen Markt – und gleichzeitig wurden chinesische Exporte in den Westen noch einfacher. Die Weltwirtschaft bekam einen riesigen, hochmotivierten und extrem günstigen Produktionsstandort.
- Die größte Völkerwanderung der Menschheitsgeschichte: Ab 2000 zogen in China hunderte Millionen Menschen vom Land in die Städte. Sie suchten Arbeit, Einkommen – und wurden zu einer der größten industriellen Arbeitskräftebasen, die die Welt je gesehen hat.
Diese Faktoren starten die „Makro-Maschine“ – und damit die drei Renditemotoren, die passive Portfolios über 40 Jahre praktisch nach oben trugen.
Rendite-Motor Nr. 1: Die Abschaffung der Inflation
Weil Millionen chinesischer Arbeitender bereit waren, für einen Bruchteil westlicher Löhne zu produzieren – und weil der Wechselkurs lange relativ niedrig gehalten wurde, was chinesische Waren zusätzlich verbilligte – konnten westliche Unternehmen ihre Kosten drastisch senken, wenn sie in China fertigen ließen. (Mir persönlich ist bis heute Foxconn im Kopf: einer der größten Elektronikzulieferer der Welt, der für Apple, Samsung und Co produziert. 2010 gab es mächtig Schlagzeilen über schlechte Arbeitsbedingungen und eine hohe Zahl an Selbstmorden unter den Beschäftigten.)
Viele Unternehmen verlagerten daraufhin ihre Produktion nach China. Die Folge: Die Weltmärkte wurden regelrecht mit günstigen Gütern aus chinesischer Fertigung überschwemmt. China wurde zur „Werkbank der Welt“ – und die Unternehmen anderer Länder nutzten das dankbar. Gleichzeitig wurden die Produkte immer besser, während die Produktionskosten niedrig blieben.
Das Ergebnis war, dass trotz hoher Nachfrage – vor allem aus den USA – die Verbraucherpreise erstaunlich stabil blieben. Die Inflation blieb über viele Jahre strukturell niedrig und wurde kaum zu einem ernsthaften Problem. (In Nerdsprech: China hat „Deflation exportiert“.)
Das verschaffte den Zentralbanken enormen Spielraum: Ihre Aufgabe ist es, die Wirtschaft zu stützen, ohne eine Überhitzung und damit steigende Preise zu riskieren. Weil Inflation lange Zeit praktisch kein Thema war, konnten sie die Wirtschaft großzügig stimulieren, ohne sofort eine Preisexplosion auszulösen.
Für dich als Anleger bedeutete das: Die Zentralbanken konnten Geld drucken, die Zinsen senken und die Märkte mit Liquidität fluten – was die Kurse steigen ließ. Aus dieser Zeit stammt auch der berühmte „Fed Put“: die weitverbreitete Erwartung, dass die US-Notenbank immer bereitsteht, die Wirtschaft zu stützen, sobald sich am Horizont eine Gewitterwolke zeigt. Die Fed würde es schon richten.
Rendite-Motor Nr. 2: Ständig weiter fallende Zinsen
China als „Werkbank der Welt“ setzte noch einen zweiten Mechanismus in Gang – einen, der über viele Jahre ganz wesentlich dazu beitrug, dass die Zinsen in der westlichen Welt immer weiter fielen.
Warum? Chinesische Firmen und der Staat erzielten durch ihre riesigen Exporte gewaltige Dollarüberschüsse. Unter normalen Marktbedingungen würde so etwas zu einem stärkeren Yuan führen (wenn viele Dollar hereinkommen, steigt die Nachfrage nach der lokalen Währung). Aber China wollte seinen Wechselkurs seit den 1990ern möglichst stabil und eher günstig gegenüber dem US-Dollar halten, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Also musste die chinesische Zentralbank eingreifen: Sie schuf neue Yuan und kaufte damit den Firmen und Banken die Dollar ab – damit der Yuan nicht aufwertet. Über die Jahre stapelten sich bei der People’s Bank of China enorme Dollarbestände.
Und was macht man mit so vielen Dollars? Genau das, was du und ich tun würden: sicher anlegen. Am besten in Staatsanleihen, vor allem in amerikanischen. Also kaufte China massenhaft US-Treasuries – mechanisch, regelmäßig und ohne groß auf die Rendite zu schauen. Schließlich ging es nicht um Gewinn, sondern darum, den eigenen Wechselkurs zu stabilisieren.
So entstand eine Art globaler Kreisverkehr:
Die USA kauften Waren in China – China kaufte mit den Dollars amerikanische Staatsanleihen.

Diese stetige, nahezu preisunempfindliche Nachfrage drückte die Anleiherenditen nach unten. Und wenn die Anleihepreise steigen und die Kupons fix sind (also periodisch einen festen Betrag zahlen), dann fällt die Rendite (für dieselbe künftigen Zinszahlungen muss ich beim Kauf mehr bezahlen). Genau das passierte über Jahrzehnte hinweg mit den langfristigen Zinsen.
Howard Marks, einer der schärfsten Denker der Finanzwelt, den ich kenne, nannte diese Phase in seinem berühmten “Seach Change” Memo von 2022 das „Goldilocks environment“ – ein Umfeld, das Investoren besser aussehen ließ, als sie eigentlich waren, weil die makroökonomische Strömung ihren Rückenwind lieferte.
Für dich als Anlegerin oder Anleger bedeutete das: Kredite wurden immer billiger. Egal ob für Häuser, Firmenübernahmen oder Aktienrückkäufe. Niedrige Zinsen belohnen alle, die sich Geld leihen – und treiben die Preise der Vermögenswerte nach oben. Das Ergebnis: eine regelrechte „Asset-Preis-Inflation“, bei der Aktien, Immobilien und viele andere Anlagen über Jahre hinweg von billigem Geld nach oben geschoben wurden.
Am Ende führte die Kombination aus chinesischem Anleihehunger und einer sehr locker agierenden Fed dazu, dass die Zinsen von ihren Rekordwerten Anfang der 1980er (rund 15 %) bis zeitweise auf nahezu null sanken.

Rendite-Motor Nr. 3: Stabilität durch gegenläufiges Verhalten von Aktien und Anleihen
Weil die Inflation über Jahrzehnte praktisch tot war, entstand ein unfassbar praktischer Effekt für Anlegerinnen und Anleger: In einem einfachen Mischportfolio aus Aktien und Anleihen bewegten sich beide oft gegensätzlich. Fielen die Aktien, stiegen meist die Anleihen.
Warum? Bei jedem ernsthaften Börsenrücksetzer senkten die Zentralbanken reflexartig die Zinsen, um die Wirtschaft zu stützen. Und sinkende Zinsen bedeuten steigende Anleihekurse. Das wiederum federte Verluste bei Aktien in der Tendenz durch Gewinne bei Anleihen ab.
Das sorgte für einen enorm angenehmen Diversifizierungseffekt – allerdings nur in einer Welt ohne Inflationsdruck. Denn wenn Inflationserwartungen steigen, reagieren Anleihen negativ, weil ihre festen Zinszahlungen an Kaufkraft verlieren (bei hoher Inflation kann man sich für die festen künftigen Zinszahlungen weniger Güter kaufen).
Man kann also sagen: Dieses „eingebaute Sicherheitsnetz“ eines passiven Portfolios war kein Naturgesetz. Es war ein Nebenprodukt jener globalen Entwicklungen – allen voran Chinas Öffnung und Integration in die Weltwirtschaft –, die die Inflation lange Zeit niedrig hielten.
Zusammenfassung: Der Anlageerfolg war im Grunde nicht vermeidbar
Das hervorragende Abschneiden von Kapitalanlagen in den letzten 40 Jahren war kein Zufall. Und diese Phase war im historischen Maßstab alles andere als „normal“.
Passive Anlagen – etwa ein Weltportfolio wie der MSCI World – profitierten so stark, weil:
- Inflation niedrig blieb, unter anderem durch Chinas Aufstieg als “Werkbank der Welt”.
- Zentralbanken dadurch viel Raum hatten, die Wirtschaft immer wieder zu stimulieren.
- Chinas massive Käufe westlicher Staatsanleihen die langfristigen Zinsen gedrückt haben.
- Damit praktisch alle Anlagen im Wert gestiegen sind – trotz aller Zwischenkrisen.
Kurz gesagt: Der Erfolg war also nicht nur Ergebnis klugen Investierens – passive Anlagen waren schlicht perfekt auf das makroökonomische Umfeld zugeschnitten, das durch diese Entwicklungen entstanden ist.
Die spannende Frage lautet nun:
Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Umfeld bestehen bleibt?
Bleibt China die Werkbank der Welt? Wird es weiterhin westliche Staatsanleihen in großem Stil kaufen? Können die Zinsen noch einmal um 15 Prozentpunkte fallen?
Und wenn nicht:
Was passiert dann mit Strategien, die genau von diesem Umfeld maximal profitiert haben?
Die Antworten führen direkt zum großen „Regime Change“ – den neuen Spielregeln, die gerade entstehen und künftig bestimmen werden, wie Märkte funktionieren.

ÜBER DEN AUTOR
Dr. Christof Sigl-Grüb
Finanznerd und
Vermögensverwaltungsveteran
Christof liebt alles, was mit Finanzen und Geldanlage zu tun hat.
Der promovierte Betriebswirt hat fast 20 Jahre Berufserfahrung im
Private Banking, Financial Planning und als Portfolio Manager im
quantitativen institutionellen Asset Management.
Heute gibt er sein Wissen weiter und hilft Menschen dabei, ihr Geld selbst – und besser – anzulegen. Wo andere bei der Geldanlage aufhören, fängt er erst so richtig an.
